Der Geist des Hexenjägers

Solange der Mensch das geschriebene Wort in Händen hält, besitzt er die Gabe der Götter,

seiner Fantasie Flügel zu verleihen. 

 

 

Fantasie …

Kinder bekommen Fantasie in die Wiege gelegt, doch je älter ein Mensch wird, desto mehr lässt er sich von Fakten und vorgeformten Meinungen leiten. Allzu oft verkümmert dadurch die liebenswerte Schwester der Vernunft.

Mitunter jedoch genügt es schon ein Buch zu lesen, um Fantasie wie eine schwelende Glut neu zu entfachen.

Und ist das Leben, das ohne Fantasie trist und leer wäre, mit ihr nicht um vieles bunter und aufregender? Wer genug Fantasie besitzt, kann das Leben als ganz großes Abenteuer erfahren.

 

Kapitel 1

 

Es begann einige Nächte vor Patricias achtzehntem Geburtstag. Traumfetzen drangen wie kleine elektrische Stöße in ihr Unterbewusstsein. Unruhig wälzte sie sich von einer Seite auf die andere. Am Morgen wachte sie wie gerädert auf und obwohl sich die Träume wie Nebelschwaden auflösten und die Erinnerung daran mit sich nahmen, blieb dennoch ein ungutes Gefühl zurück, das sie aus undefinierbaren Gründen ängstigte.

Dann – am Spätnachmittag ihres Geburtstages – wurde sie von einer erschreckenden Vision überfallen, die ihr den Blick in eine Zeit öffnete, die sie nur aus Romanen kannte. In der darauffolgenden Nacht fügten sich die Traumfetzen zum ersten Mal zu einem beängstigenden Albtraum zusammen.

Von da an wurde sie einmal im Jahr von dieser Vision heimgesucht und zwar immer an ihrem Geburtstag. Der Albtraum jedoch kam in unregelmäßigen Abständen. Und immer wieder fragte sie sich, was es damit auf sich haben mochte. Ein ständig wiederkehrender Traum? Wie war das möglich? Die Szenen eines Films, den sie als Kind gesehen hatte, von ihrer kindlichen Seele aber nicht verarbeitet werden konnten? Die Erinnerung an ein Ereignis, das sie selbst erlebt hatte, konnte es nicht sein …

 

Stockfinstere Nacht und undurchdringlicher Nebel erschwerten es Patricia, den schmalen Trampelpfad zu finden, über den sie zum vereinbarten Treffpunkt gelangen würde. Da half auch das schwache Licht der Sturmlaterne nicht allzu viel, die sie am ausgestreckten Arm vor sich her trug.

Sie konnte den Frühling riechen, feuchte Erde und vom Tau bedecktes Gras.

Ängstlich suchend wandte sie den Kopf zu den am Wegrand wachsenden Büschen, von wo sie leises Rascheln vernommen hatte. Ihr Puls begann zu rasen, ihr Herz klopfte so laut, dass sie annahm, jeder müsse es hören, der sich in ihrer Nähe aufhielt. Als sie dann den nächtlichen Jagdruf eines Käuzchens vernahm, ließ sie vor Schreck fast die Laterne fallen. Ab und zu warf sie wachsame Blicke über ihre Schulter, während sie rasch einen Schritt vor den anderen setzte. Am liebsten wäre sie umgekehrt. Allein ihr Herz sehnte sich so sehr nach dem Mann, für den sie selbst den Weg durch die Hölle nicht gescheut hätte. Und so blieb ihr nichts anderes übrig, als dem übermächtigen Verlangen nachzugeben, sich wieder in seine starke Arme zu schmiegen.

Still lag das Ufer des kleinen Sees vor ihr, als sie endlich die Bank erreichte, die er als heimlichen Treffpunkt bestimmt hatte.

Erwartungsgemäß erhob sich die große Gestalt des Mannes, dem ihre Sehnsucht galt, und breitete seine Arme aus. „Endlich“, begrüßte er sie mit heiserer Stimme.

Also hat auch er unser Treffen sehnsüchtig herbeigesehnt, dachte Patricia und schmiegte sich an seine Brust, während er sie in seinen weiten Umhang hüllte.

„Ergreift sie!“, zerriss die tiefe, etwas krächzende Stimme eines Mannes die Stille des Augenblickes. 

Tosendes Geschrei, untermalt von klirrenden Geräuschen aufeinanderschlagenden Metalls, brach los, als eine Horde Männer diesem Befehl unverzüglich folgte.

Erst jetzt bemerkten die beiden entsetzt blickenden Menschen mehrere Söldner, die mit gezogenen Waffen auf sie zustürmten. Männer, die schon geraume Zeit vor ihnen angekommen sein mussten, um hinter Hecken verborgen auf sie zu lauern.

Patricia klammerte sich fest an den geliebten Mann, doch es nutzte nichts. Ein letzter verzweifelter Blick, bevor einer der Söldner sie grob an ihren Oberarmen packte und aus dessen Obhut riss. Mit brutaler Gewalt schleuderte er sie auf den feuchten Boden. Im allgemeinen Handgemenge wurde sie gleich darauf erneut an Haaren und Gewand ergriffen. Der Mann, dessen Gesicht sich bis auf die Augen hinter einem Tuch verbarg, zerrte sie unbarmherzig an den Rand des Weges, bevor er sich erneut ins Getümmel stürzte. Sie wollte schreien, doch panische Angst, nicht um ihre eigene Person, sondern um die des geliebten Mannes, schnürte ihr die Kehle zu.

Oh Gott! Was werden sie ihm antun?

Ansehen zu müssen, wie sie ihn zusammenschlugen, barbarisch auf ihn eintraten, ihn bespuckten und endlich, nachdem sie ihn genug gequält und gedemütigt hatten, unter Johlen, spöttischen Bemerkungen und Gelächter abführten, zerriss ihr fast das Herz.

Da trat erneut einer der Männer auf sie zu, griff nach ihrem Handgelenk und zerrte an ihr, bis sie ihm widerstrebend folgte. Auch sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, da es von einer Kapuze verdeckt wurde. 

 

An dieser Stelle erwachte sie stets schweißgebadet und am ganzen Körper zitternd. Der Albtraum jagte ihr von Mal zu Mal mehr Angst ein. Zum einen, weil sie einfach nicht verstehen konnte, was es damit auf sich hatte, zum anderen, weil ihr danach stets zumute war, als würde sie mit jedem weiteren Schritt auf einen Abgrund zusteuern. Gleichzeitig aber hinterließ er den fast unerträglichen Schmerz einer unerfüllten Liebe und ein sehnsuchtsvolles Ziehen in der Brust. Und noch etwas blieb zurück: das unerklärliche Wissen, es nicht ertragen zu können, jemals ohne diese Liebe leben zu müssen. Doch wer war die Frau, die aussah wie sie selbst? Wer war der Mann, mit dem sich diese Frau traf? So sehr sie sich bemühte, es gelang ihr nie, ihn zu erkennen oder auch nur seinen Namen zu erfahren. Und wer war jener Mann, der sie am Ende ergriff und ihr allein durch seinen durchdringenden Blick einen Schauer über den Rücken jagte?

 

Als Patricias Wecker an diesem Morgen surrte, lag sie bereits von heftigen Kopfschmerzen geplagt, wach im Bett und hätte sich selbst dafür ohrfeigen können, da sie den Grund dafür ganz genau kannte. Am Nachmittag des vergangenen Tages war sie vom Klappentext und den ersten Seiten eines historischen Romans derart in Bann gezogen worden, dass sie nicht widerstehen konnte, ihn mit nach Hause zu nehmen. Historisch fundierte Romane, deren Handlung im sechzehnten Jahrhundert spielte, las sie am liebsten. Auch letzte Nacht hatte sie das Buch erst kurz nach zwei auf den Nachttisch gelegt. Wie erwartet war sie danach in unruhigen Schlaf gefallen und hatte sich von einer Seite auf die andere gewälzt.

Und was hatte sie nun davon? Einen Brummschädel, der sich „von“ schrieb. Müsste sie nicht zur Arbeit, sie würde im Bett bleiben und noch eine Runde schlafen. Zumal die Regentropfen, die rhythmisch an ihr Schlafzimmerfenster trommelten, ebenfalls nicht dazu beitrugen, ihre Stimmung zu heben.  

Auch das noch, dachte Patricia und fuhr sich, undamenhaft gähnend, mit beiden Händen durchs Haar. Gleich darauf schlug sie die Steppdecke zurück, schwang ihre Beine aus dem Bett und begab sich ins Bad. Anschließend trank sie einen extra starken Kaffee und zwang sich, eine Scheibe Toast mit Butter zu essen, um nicht mit leerem Magen aus dem Haus zu gehen.

Unlustig zog sie ihren anthrazitfarbenen Regenmantel vom Kleiderbügel und schlüpfte hinein. Bevor sie auf die Straße hinaustrat, blickte sie zum grau verhangenen Himmel hoch und zog angewidert die Nase kraus. Es waren nur wenige Schritte zu ihrem Wagen. Doch wegen der Kopfschmerzen entschloss sie sich, zu Fuß zur Bibliothek gehen. Frische Luft und ein wenig Bewegung würden ihr guttun, selbst an diesem regnerischen, ekelhaft kühlen Frühlingstag.

Sie schlug den Mantelkragen hoch, spannte ihren Schirm auf und schritt flott vom Haus in der Schustergasse zum Marienplatz.

Auch heute zogen die eng gedrängten hohen Bürgerhäuser, die historischen Blendfassaden mit den Treppengiebeln und Grabendächern ihre Blicke auf sich.

Mittlerweile lebte sie seit mehr als einem halben Jahr in Wasserburg. Als sie auf die vom Inn umschlossene Halbinsel zog, hoffte sie, den Träumen und vor allem den alljährlich wiederkehrenden Visionen, von denen sie selbst im Wachzustand überfallen werden konnte, durch die veränderte Umgebung Einhalt gebieten zu können. Doch schon bei ihrer ersten Erkundungstour durch die historische, südländisch wirkende Altstadt musste sie enttäuscht feststellen, dass dem nicht so war. Und das obwohl die bunten, gotischen Häuser und die Straßen, durch die das Leben zu pulsieren schien, so anders aussahen als der Ort, den sie aus ihrem Traum kannte. Selbst dieser Marktplatz mit seinen Arkaden, die bei schönem Wetter zum Flanieren einluden, und den Straßencafés, die dann überzuquellen schienen, erinnerte sie in einer Art und Weise an eine längst vergangene Epoche, die sie frösteln ließ. Vor allem die Visionen im Wachzustand, während der sich ihr Geist regelrecht in einer anderen Epoche verlor, ängstigte sie. In einigen Tagen, an ihrem Geburtstag, würde es wieder geschehen. Wie so oft fragte sie sich, was der Auslöser dafür war. Was hatte ihre Geburt mit diesen erschreckenden Visionen zu tun? Und würden auch sie irgendwann – wie die Albträume – vermehrt und unkontroliert auftreten?

 

Patricia schüttelte kaum merklich den Kopf. Nein, ich sollte wirklich keine historischen Romane mehr lesen. Es heizt meine Fantasie, die mir ohnehin oft genug einen Streich spielt, nur unnötig an. Plötzlich, möglicherweise weil sie daran gedacht hatte, begann Patricias Puls zu rasen. Sie atmete schnell und flach. Oh nein! Noch nicht heute. Nicht jetzt. Ihr Blick verschleierte sich und der Marktplatz veränderte sein gewohntes Bild …

 


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