Der Glücksfall

Wieder einmal zu spät dran. Dabei wollte Jessica, gerade an diesem Morgen, alles richtigmachen. Den Wecker hatte sie so eingestellt, dass er sie zu einer unmenschlichen Zeit aus ihren Träumen reißen konnte – was er dann auch tat. Da sich ihre ersten Gedanken augenblicklich an die letzten des Vorabends hängten, schlug sie die leichte Steppdecke zurück und erhob sich. Schließlich wollte sie genügend Zeit haben, ein dezentes Make-up aufzulegen und die richtige Kleidung auszuwählen. Manch einer könnte denken, das Make-up okay, na klar, logisch, aber die Klamotten hätte sie doch, um Stress am Morgen zu vermeiden, schon am Abend zuvor herauslegen können. Natürlich hatte sie das bereits des Öfteren versucht. Doch dann passte das Shirt, der Pulli, die Bluse oder was sie sonst so zurechtgelegt hatte, weder zu ihrer Stimmung, noch zum Wetter und sie war gezwungen erneut zu wählen. Wie auch immer, diesen Tag wollte sie perfekt beginnen. Sogar frühstücken wollte sie, um eine ordentliche Grundlage im Magen zu haben.

  So stellte sie sich also unter die Dusche, föhnte danach die langen schwarzen Haare und steckte sie zu einer eleganten Businessfrisur hoch.

   Doch dann ging alles schief, was nur schiefgehen konnte.

Die am Vorabend nicht richtig verschlossene Nagellackflasche, sie hatte es nach dem Auftragen der Farbe einfach vergessen, kippte ins Waschbecken. Ihre goldene Puderdose rutsche ihr beim Öffnen aus der Hand, was überpuderte Bodenfliesen zur Folge hatte und an der letzten Strumpfhose, lief eine Laufmasche hoch, während sie diese über ihre Beine streifte. Sie entfernte den Nagellack, kümmerte sich nicht um den Puder und entschied sich für einen ihrer schwarzen Hosenanzüge, ein weißes T-Shirt und den bunten Schal, den sie während des letzten Afrikaurlaubs erstanden hatte. Ihr Magen rebellierte. Sie verzichtete aufs Frühstück. Hastig trank sie lediglich einen Schluck des heißen Kaffees, an dem sie sich dann auch noch die Zunge verbrannte.

 

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  „Ihnen wird in Kürze“, er machte eine geheimnisvolle Pause und blickte ihr einen Moment nachdenklich, als frage er sich, ob sie die Wahrheit vertragen würde, in die Augen, „etwas sehr Merkwürdiges geschehen. Ihr Leben wird regelrecht auf den Kopf gestellt. Sie werden ein anderer Mensch sein. Während dieser Zeit wird Ihnen die Liebe Ihres Lebens begegnen. Doch da gibt es noch einen anderen Mann, der versuchen wird, Sie für sich zu gewinnen. Dieser Mann wird für einige Verwirrung in Ihrem Leben sorgen. Passen Sie gut auf sich auf.“

Jessica lächelte. „Ist das nun gut oder eher schlecht?“, fragte sie.

  „Machen Sie sich keine Sorgen. Es wird sich alles zum Guten wenden, auch das, was bisher nicht in Ordnung war.“

Herr Oswald hat recht, der Mann ist tatsächlich ein Spinner und das was er sagt, ist auch nur der aufgeplusterte Unsinn, den solche Leute gerne verzapfen. Aber er macht das wirklich theatralisch. Man möchte ihm fast glauben. „Danke für diese Kostprobe Ihres Könnens“, sagte sie höflich und fügte noch einen freundlichen Gruß hinzu. „Übrigens, Ihr Vater liebt Sie so sehr, wie Ihre Mutter Sie vermisst.“

  Ein scharfer Stich durchbohrte Jessicas Brust. Mit diesem Satz war er eindeutig einen Schritt zu weit gegangen.  „Das tut sie nicht“, antwortete sie knapp und wandte sich ab.

  „Ach?“

  „Sie entschuldigen mich?“ Was für ein Idiot, dachte Jessica, als sie durch den langen Gang zur Treppe schritt.      Dennoch hatte sein letzter Satz sie innerlich aufgewühlt. Hätte er nur über Vater gesprochen …, andererseits …, es stimmt. Er sagte doch, mein Vater würde mich so sehr lieben, wie meine Mutter mich vermisst. Mutter vermisst mich nicht und Vater liebt mich nicht. So einfach ist das. Die Kunst dieses Herrn, besteht offenbar darin, einige Interesse weckende Sätze von sich zu geben und die Leute zu verwirren. Aber wie kann er wissen …

  In Gedanken versunken übersah Jessica den kleinen Aktenkoffer, der oben am Treppenabgang stand. Sie stieß mit dem Fuß dagegen. Der Koffer rutsche zur Seite. Jessica taumelte, versuchte noch das Gleichgewicht wiederzuerlangen, dann das Geländer zu ergreifen, doch weder das eine, noch das andere gelang. Kopfüber stürzte sie die Treppe hinunter. Zunächst fühlte sie noch Schmerzen in sämtlichen Gelenken, die den Aufprall abbekommen hatten, dann wurde es dunkel um sie.

 

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„Hallo? Ist da jemand? Kann ich helfen?“, rief er, da er nicht an Geister glaubte.

„Oh Gott! Was ist bloß … Oh Gott, wo bin ich?“, klagte eine weiblich, zarte Stimme, die überaus verzweifelt klang.

„Hallo, wo stecken Sie denn?“, rief er erneut, während er suchend von einem zum anderen Grabstein lief und mit den Augen in alle Richtungen suchte.

Hinter einem der Grabsteine schob sich eine schmale Hand, dann ein ganzer Arm hervor. „Hier. Hier bin ich.“

Jan ging um den Stein herum und erblickte die zarte Gestalt einer schwarzhaarigen Schönheit. Nie zuvor hatte ihn der Anblick eines Frauenantlitzes derart gefesselt. Obwohl es zwei steile Falten auf der sonst glatten Stirn, ein ängstlicher Blick aus mandelförmigen, rehbraunen Augen und ein verzerrter Mund zu entstellen versuchten.

„Ist Ihnen nicht gut? Sind Sie verletzt? Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Jan hilfsbereit und streckte ihr seine Hand entgegen.

„Keine Ahnung. Mein Kopf ..., da ist … Ich ... Wo bin ich?“, fragte sie verstört.

„Sind Sie gestolpert? Könnte sein, dass Sie sich am Kopf verletzt haben“, sagte er, nachdem er bemerkte, wie sie sich an die Stirn fasste. „Haben Sie Schmerzen?“

„Ja, nein, nur so ein seltsames Gefühl“, antwortete sie und blickte sich verwundert um. „Wo bin ich? Ich war doch eben noch … War ich nicht …? Oh Gott, ich weiß es nicht ... Werde ich verrückt? Oder ..., oder bin ich es schon?“

„Na, na, so schlimm wird es nicht sein. Sie sprechen deutsch, sind Sie ...“

„Ja und? Ist das etwas Besonderes?“, unterbrach sie ihn.

„Nun ja, wir befinden uns hier in Schottland. Ich hätte englisch, eventuell scots oder sogar gälisch erwartet, auf keinen Fall jedoch deutsch.

„Schottland? Was mache ich in Schottland …? Sie scherzen.“

Jan schüttelte verneinend den Kopf. „Durchaus nicht.“

 

„Was mache ich in Schottland?“, fragte sie noch einmal voller Entsetzen. „Und Sie? Wer sind Sie? Kennen wir uns?“

 

 


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Blutsbande

Ein unerwartetes Testament sorgt an Amelies 30. Geburtstag für Aufregung. Sie erbt das Weingut ihres Vaters, den sie nie kennengelernt hat. Durch einen Brief von ihm, erfährt sie von einem dunklen Familiengeheimnis und von Seelen, die keine Ruhe finden. Da es laut seiner Aussage allein ihr möglich ist, den Bann zu brechen, bittet er sie, diese Aufgabe zu übernehmen, um dem Haus dadurch seinen Frieden zurückzugeben. Doch um mehr über ihre Vorfahren und die zu lösende Aufgabe zu erfahren, muss sie zuvor das von ihm bezeichnete „Herz des Hauses“ finden. Als sie das Gut besucht, ohne ihre wahre Identität preiszugeben, wird ihr bis dahin ruhig dahinplätscherndes Leben komplett auf den Kopf gestellt. Wird ihr der mysteriöse Fremde, der ihr eigenes Herz vom ersten Augenblick an gefangen nimmt, beistehen?

Rezensionen:


★★★★★

Leichter Lesespaß mit Überraschungen

Von Petra Plaum am 27. April 2019 bei Amazon

 

"Tanz mit mir" kam mit mir auf Urlaubsreise und sollte mich - die ich sonst Frauenromane nur noch selten lese - in erster Linie unterhalten. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Erfreulicherweise fand ich in Gabriele Walters Buch einige Überraschungen und ahnte lange nicht, welches Ende sich anbahnt. Die Hauptpersonen sind nicht nur (genretypisch) attraktiv, klug und talentiert, sondern kämpfen immer wieder mit ihren dunklen Seiten, das schenkt "Tanz mit mir" Spannung. Natürlich ist da mehr Geld, mehr Drama, mehr Happy End als (meistens) im echten Leben, dennoch geht dieser Roman tiefer unter die Haut als die meisten Frauenromane, liest sich leicht, ist aber alles andere als seicht. Ein echtes Lesevergnügen.