Sodbrennen

Kapitel 1

 

In alten Fotos zu kramen, ist genau die richtige Beschäftigung für graue Wintertage wie diesen, denke ich, während ich mich strecke und mühsam den alten, weißen Schuhkarton vom obersten Regal des Schlafzimmerschrankes herunterziehe.

Ein mausgrauer Kaschmirpullover der obenauf liegt, fällt herunter, mir mitten ins Gesicht und weil ich nicht schnell genug nach ihm greife, auf den Parkettboden.
Ich bücke mich. Magensäure kriecht durch meine Speiseröhre.
Auch das ist bald vorbei.
Ich schlucke, hebe ihn auf, falte ihn ordentlich zusammen und werfe ihn, entgegen meiner üblichen Korrektheit, schwungvoll wieder zurück.
Das orangefarbene Wort – PHOTOS –, das ich irgendwann passenderweise quer über den Deckel des Schuhkartons geschrieben habe, sticht mir förmlich in die Augen und ich erinnere mich an das, was ich dachte, als ich den Karton beschriftete. – Nur eine Übergangslösung. Sobald ich Zeit habe, klebe ich die Fotos in entsprechende Alben.
Das ist jetzt über dreißig Jahre her. Den Karton hole ich zwar ab und an mal herunter, aber nur um neue Fotos hineinzulegen.
Noch einmal lasse ich meinen Blick durch den Raum schweifen, über die weiß gestrichenen Möbel, all die kleinen Dekorationsstücke, die ich voller Freude aus unzähligen Orten dieser Welt zusammentrug, um sie hier liebevoll zu platzieren. Zuletzt über das Bett, in dem ich sinnlich romantische, zu meist erholsame, aber auch von Sorgen und Kummer belastete, schlaflose Nächte verbracht habe. Das Bett, in dem ich nie wieder liegen werde. Ich atme den süßlich frischen Geruch des Weichspülers, der in der frisch bezogenen Bettwäsche haftet und den erotisch angehauchten meines Lieblingsparfüms, der wie ein zarter Schleier über allem hängt.
Dieses erdrückende Gefühl der Einsamkeit, das mich während der letzten Tage allzu oft heimgesucht hat, stellt sich auch jetzt wieder ein und schnürt mir die Kehle zu.
Mit hängendem Kopf begebe ich mich ins Erdgeschoss. Gebeugt, als trage ich die Last der ganzen Welt, gehe ich die Diele entlang zu meinem Lesezimmer, das mir jahrelang als Büro, jedoch auch als Ort der Erholung und Besinnung gedient hat.
Ich fühle mich leer und ausgebrannt. Immer noch verschleiern Tränen meinen Blick, den ich nun zur vollgestopften Bücherwand lenke. – Literatur, während all der Jahre zu Recherchezwecken zusammengetragen. Dann zum antiken Schreibtisch, den der Flachbildmonitor und eine verchromte Tastatur zu entweihen versuchen, was ihnen jedoch nicht wirklich gelingt. – Mein Arbeitsplatz.
Kaum merklich vor mich hinlächelnd, setze ich mich auf die mit weinrotem Leder bezogene englische Couch. Den Karton stelle ich auf meine Knie und öffne ihn.
Zuoberst liegen die Aufnahmen vom letzten Sommer. Urlaub auf Rügen. Ein Gefühl von Wehmut breitet sich in meiner Brust aus. Wahllos grabe ich etwas tiefer und ziehe einige Fotos heraus. Eines, schon ein wenig verblichen, auf dem meine verstorbenen Eltern zu sehen sind und ein weiteres, auf dem ich mit der bunten Einschulungstüte im Arm vor der alten Schule stehe. Ich erinnere mich noch genau an die lachsfarbene Strickjacke, die ich an diesem Tag trug und das blumenbedruckte Kleidchen. Das nächste Foto wurde an Ostern vor unserem Haus in Geroldstein geschossen. Unschwer an meiner rechten Wange zu erkennen, dass ich mir ein ganzes Osterei in den Mund geschoben habe.
„Ha!“
Da ist sie ja, die einzigartige Aufnahme, die mich wie keine andere an meine Kindheit erinnert. Nicht, weil es ein Foto aus jener Zeit ist, das sind andere auch, nein, weil es etwas in meinem Herzen bewegt, das mir das Wasser in die Augen treibt, weil es mich traurig stimmt und gleichzeitig zum Lachen bringt. Mit der rosaroten Brille auf der Nase, in deren Gläsern sich ein Teil der Umgebung spiegelt und dem unmöglichen Haarschnitt, der eher einem Helm denn einer Frisur ähnelt, sehe ich mehr als komisch darauf aus. Mütter sollten ihren Kindern nur dann die Haare schneiden, wenn sie den Beruf des Frisörs entweder erlernt oder zumindest ein besonderes Talent dafür haben. Meine hatte weder das eine noch das andere, dafür aber ein echtes Problem mit meinem Pony. Mehrere Versuche waren nötig, ihn einigermaßen gerade hinzukriegen. Das Resultat – viel zu kurz. Aber das war dann ja mein Problem. Mein einziger Trost bestand in der Gewissheit, dass die Fransen wieder wachsen würden.
Unwillkürlich fahre ich mit den Fingern durch mein langes, volles, wegen der silbergrauen Strähnen mittlerweile schwarz gefärbtes Haar, streiche es aus der Stirn und lächle vor mich hin.
Diese Szene, das was ich hier mache, könnte der Anfang eines neuen Romans sein.
Ein Gedankenblitz, den ich sogleich, verwundert überhaupt daran gedacht zu haben, weit von mir schiebe, denn ich habe keine Lust mehr zu schreiben. Im Grunde habe ich zu nichts mehr Lust, am wenigsten auf das Leben selbst.
Ach, Richard! Ich seufze. Alles ist so sinnlos geworden, jetzt da du gegangen bist. Das Haus ist viel zu groß für mich allein und jeder Winkel, jedes noch so kleine Detail, erinnert mich an dich.
Erneut seufze ich, lege die Fotos zurück und schließe den Karton.
Wozu hab ich den Kasten überhaupt runtergeholt? Etwa, weil ich irgendwo im hintersten Winkel meines Gehirns annahm, in alten Erinnerungen zu kramen, könnte mich von meinem Entschluss abbringen?
Müde erhebe ich mich, begebe mich zur Terrassentür und ziehe die Gardine beiseite. Ein letztes Mal betrachte ich meinen geliebten Garten, der zurzeit verborgen unter einem weißen Tuch aus frisch gefallenem Schnee, auf den kommenden Frühling wartet, so wie jeden vergangenen Winter.
Wartet? Wartet er wirklich? Liegt brach da, einfach so, lässt den lieben Gott einen guten Mann sein, sinniere ich und senke den Blick, erholt sich und wartet? Zumindest hat es den Anschein. Nun ja, die Pflanzen nutzen diese Ruheperiode, um Kraft zu sammeln, während sie sich gleichzeitig auf das neue Leben vorbereiten, das im Frühling aus ihnen heraussprießen wird. Etwas, das die meisten Menschen in dieser schnelllebigen Zeit verlernt haben. – Ja, sinniere ich nickend und werfe, bevor ich mich kläglich lächelnd abwende, einen letzten Blick hinaus, heute ist ein guter Tag zum Sterben.
Ich wende mich dem Glas mit der bronzefarbenen Flüssigkeit zu und den Schächtelchen mit dem todbringenden Inhalt. – Schlaftabletten.
Ursprünglich wollte ich mir in der Badewanne die Pulsadern aufschneiden. Allein schon die Vorstellung einer aufgedunsenen Leiche in blutgetränktem Wasser und der Blutlache, die sich unter dem eventuell aus der Wanne hängenden Arm bilden würde, bereitete mir Übelkeit. Zumal ich diesen Abgang auch für allzu dramatisch halte. Außerdem hasse ich es, eine Schweinerei zu hinterlassen. „Das Haus muss ordentlich sein, bevor ich es verlasse. Könnte ja sonst was passieren.“ Jahrelang weigerte ich mich sehr bewusst, diese Philosophie meiner Mutter anzuerkennen und letztendlich sogar anzunehmen. Manchmal machte ich die Betten nicht, bevor ich das Haus verließ. Kissen, die ich im Vorübergehen noch schnell ordentlich aufstellte, warf ich wieder durcheinander und in der Küche blieb oft ein einzelnes Glas auf der Spüle stehen.
Unmerklich schüttle ich den Kopf und sehe mich um.
Alles ordentlich.
Ich schalte das Radio an, drücke die Open/Close-Taste für das CD-Laufwerk und lege eine CD ein. Einschmeichelnde Musik zum Einschlafen, zum Hinübergehen, muss schon sein. Noch einmal drücke ich auf die Open/Close-Taste, warte bis das CD-Laufwerk wieder geschlossen ist und drücke auf „Play“. Das Violinkonzert von Vivaldi erklingt.
Soll ich jetzt?
Suchend sehe ich mich noch einmal um.
Hab ich auch nichts vergessen?
Verneinend schüttle ich den Kopf, trete an meinen alten Ohrensessel, den ich von Oma geerbt habe, streichle über die Rücken- zur Armlehne und lächle.
Dieser Sessel war, außer Kleidung und einigen Schmuckstücken, das einzige, das meine Oma aus ihrer Heimat hierher geschleppt hat, damals, gegen Ende des Krieges. Opa war laut ihrer Aussage ein begnadeter Möbelschreiner und der Sessel sein Meisterstück. Er hat ihn Oma zur Hochzeit geschenkt. Und sie wollte ihn keinesfalls den Russen in die Hände fallen lassen. Also packte sie ihn, zwei Koffer – einen mit ihren Sachen, einen mit denen meiner Mutter und mehrere Wolldecken, auf einen Leiterwagen und zog gen Süden. Opa sollte mit diesem Meisterstück, sowie der Krieg zu Ende wäre, einen Neuanfang wagen. – Opa kam nicht zurück.
War gar nicht einfach dich durch mein Leben zu schleifen.
An den entsetzten Blick aus Richards aufgerissenen Augen, als ich damit ankam und an seinen, wenn auch schwachen Protest, als ich begann das Wohnzimmer umzuräumen, um ihn würdig zur Geltung zu bringen, erinnere ich mich noch allzu gut. Damals lebten wir in einer Dreizimmerwohnung am Rande Münchens. – Irgendwie stand das Monstrum immer im Weg.
Erst nachdem Richards Mutter unerwartet und viel zu früh von uns gegangen ist, und wir in sein Elternhaus nach Herrsching am Ammersee zogen, fand ich den richtigen Platz für ihn.
Mein lieber Schwiegervater, ein überaus verständnisvoller und weiser alter Mann, verschloss trotz des Glücks, das er über unseren Einzug empfand, nicht die Augen vor meinen Bedürfnissen. Er bestand darauf, mir einen Raum zu überlassen, der mir die Möglichkeit bieten sollte, mich jederzeit zurückziehen zu können, wann immer mir danach zumute sein würde. Selbstverständlich durfte ich ihn ganz nach meinen Wünschen einrichten.
Ich seufze. Ein überaus großherziger Mann. Obwohl er uns mit seinem Dickschädel mitunter ganz schön auf die Palme gebracht hat.
Zu unserem Leidwesen folgte er seiner Frau nach nicht mal einem Jahr. – Das Herz. Er konnte es nicht ertragen, ohne seine große Liebe zu leben und da hörte sein Herz einfach auf zu schlagen. Ein altes Herz. Meins ist noch verhältnismäßig jung. Mit vierundfünfzig stirbt man nicht einfach so an gebrochenem Herzen.
Ich verzettle mich und überhaupt, warum denke ich gerade jetzt über diesen Sessel nach? – Es ist der Sessel, in dem ich sterben werde, geht es mir blitzartig durch den Kopf.
Wie um diese Überlegung zu untermauern, setze ich mich hinein. Ich lehne mich bequem zurück, lege meine Arme auf die Lehne, schließe die Augen und atme tief durch.
So viele Gedanken, die ich nicht festzuhalten vermag, jagen mir durch den Kopf. Ich sehe Bilder aus längst vergangener Zeit – Blitzaufnahmen. Erschöpft lege ich meine Hände in den Schoß und schiebe sie, während ich mich vorbeuge, zwischen meine Knie. So bleibe ich eine ganze Weile sitzen, bis meine Gedanken langsamer werden und bei Richard stehen bleiben.
Ja, das Herzklopfen wurde mit den Jahren leiser, aber ich liebte diesen Mann mit jeder Faser meines Herzens. Er fehlt mir so sehr. – Seine Kraft und sein nie enden wollender Optimismus. Er war mein Herz und das hat aufgehört zu schlagen. Er war der Faden an dem mein Leben hing und dieser Faden ist nun gerissen.
Ich kann meine Tränen nicht mehr zurückhalten und heule tief schluchzend los. Erst nachdem ich mich ein wenig beruhigt und mir die Nase geschnäuzt habe, greife ich entschlossen nach der ersten Packung Schlaftabletten. Eine Tablette nach der anderen drücke ich aus der weißen Folie in das Glas mit altem, französischem Cognac.
Die Dinger sind ziemlich hartnäckig, sie lösen sich nicht so schnell auf, wie ich es erwartet habe. Ich greife nach dem silbernen Teelöffel. Während ich rühre, erinnere ich mich, wie ich einen einfachen Löffel aus dem Küchenschrank wieder in die Schublade zurückgelegt und den silbernen aus der Lederschatulle genommen habe.
Wenn schon Selbstmord – wie heißt noch dieses andere Wort, das die Pathologen dafür benutzen – ach ja, Suizid, also wenn schon Suizid, dann doch wenigstens stilvoll.
Unwillkürlich lächle ich. Ja, ich lächle. – Was für eine unsinnige Überlegung. Aber so bin ich nun mal, Ästhet durch und durch. Und da ich nicht weiß, wie meine Leiche zum Zeitpunkt des Auffindens aussehen wird, soll wenigstens das Ambiente stimmen. Ich rühre solange, bis sich die Tabletten fast aufgelöst haben, lege den Löffel beiseite, nehme die nächste Packung, drücke auch diese Tabletten aus der Folie ins Glas und rühre erneut um. Den Vorgang wiederhole ich so lange, bis auch die letzte Packung leer ist und die ausgedrückten Folien neben dem Glas auf dem kleinen Rauchtischchen liegen.
Oh nein. Sieht ziemlich unordentlich aus, stelle ich fest. So kann das nicht bleiben. Seufzend erhebe ich mich. Noch mal in die Küche? Oder bring ich das Zeug gleich in die Garage?
Das weiße Kunststoffmaterial gehört in den gelben Sack und die Schächtelchen in die Papiertonne. Wie zum Trotz begebe ich mich in die Küche und werfe alles in den leeren Mülleimer unter der Spüle. Selbstverständlich habe ich den Küchenmüll, um unnötigen Gestank zu vermeiden, entsorgt. Schließlich kann es Tage, je nachdem gar Wochen dauern, bis man mich hier in meiner selbstgewählten Isolation findet. Womöglich beginnt mein Körper durch den Verwesungsprozess bereits zu stinken.
Das kann mir dann auch egal sein, versuche ich diesen unangenehmen Gedanken von mir zu schieben. Doch schon in der nächsten Sekunde grüble ich weiter. Wer wird mich wohl finden? – Auch das kann und wird mir dann egal sein. Basta!
Mich fröstelt. Ich kreuze die Arme vor meiner Brust und rubble meine Oberarme. Langsam wird es kühl im Haus. Nun ja, die Heizung habe ich schon vor immerhin einer guten Stunde ausgeschaltet.
„Richtig, mein Kind, nur nichts verschwenden“, höre ich meine Mutter sagen.
Ach Mama, denke ich, während ich erneut wehmütig vor mich hin lächle, du warst nie verschwenderisch. Hast das wenige Geld das Papa damals nach Hause brachte zusammengehalten. Hast dir selbst am wenigsten gegönnt. Und als es dann aufwärts ging, konntest du nicht mehr aus deiner Haut.
Allerdings gab es nie Margarine aufs Brot. Margarine nahm man höchstens, wenn überhaupt, zum Backen. Aufs Brot kam nur gute Butter. Dabei beneidete ich meine Freundin Britta stets um ihr Ramabrot. Ach ja und für hundert Gramm Schinken hat’s auch immer gereicht. Außer Marmelade und Zuckerrübensirup, war Schinken damals der einzige Brotbelag, den ich essen mochte. Eine Mark für hundert Gramm Schinken beim Dorfmetzger Stromberg. Im Konsum gab´s ihn günstiger, aber den mochte ich nicht. Also bekam ich den vom Metzger Stromberg.
Eine Sekunde sehe ich mich in meinem schwarz-rot-karierten Wollkleid, das ständig irgendwo juckte, die leere Henkelkanne schlenkernd, durch die schmale Gasse zum Konsum schlendern.
Konsum, sinniere ich, den Namen gibt’s schon lange nicht mehr. Nicht mehr zeitgemäß, wie so vieles in dieser kurzlebigen Zeit schnell abgeschafft, verbessert, verschlechtert oder geändert wird, weil es nicht mehr zeitgemäß ist.
Ich fand den alten Namen nicht schlecht. Und letztendlich konnte ja auch der neue, den Anforderungen der Zeit nicht Stand halten und musste bald dem nächsten weichen. Na ja, wenn ich’s mir recht überlege, hab ich mir nie wirklich den Kopf darüber zerbrochen. Dafür umso mehr über meinen Lieblingskaugummi.
Dubble Bubble!
In Gedanken spreche ich den Namen, da wir Kinder damals noch kein Englisch sprachen, immer noch so aus, wie er auf dem Päckchen stand. Wer kennt ihn nicht – zumindest aus meiner Generation, den Kaugummi, mit dem man riesige Blasen machen konnte? Soweit ich mich erinnere, war er umwickelt mit einem kleinen bunten Bildchen, eingepackt in weißes Papier mit aufgedrucktem Logo – ein kräftig rotes Oval, auf dem eine winzige, kornblumenblaue Krone thronte. Ich weiß noch, dass ich ihn stets vorsichtig ausgewickelt habe, um das Bildchen nicht zu zerreißen. Und dann der Kaugummi. Zwei farblose, miteinander verbundene Rippen sensationeller Geschmack, den ich immer noch, sowie ich daran denke, auf der Zunge schmecke. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich den letzten gekaut habe. Jedenfalls musste ich vor etlichen Jahren feststellen, dass es ihn – zumindest in Deutschland – nicht mehr zu kaufen gibt.
Geht’s noch? Die letzten Minuten meines Lebens und ich denke über einen dämlichen Kaugummi nach. Schon seltsam was sich so im Laufe des Lebens ins Gedächtnis einbrennt und was verloren geht.
Wie auch immer, die Heizung hab ich natürlich nicht wegen meiner ohnehin nicht vorhandenen Sparsamkeit abgedreht, sondern weil eine Leiche in kalter Umgebung entschieden länger frisch bleibt.
So düster wie meine Gedanken ist es mittlerweile auch in der Küche. Ich stelle mich an die Terrassentür, blicke nach oben und betrachte den tief hängenden, bedrohlich wirkenden, dunkelgrauen Himmel. Vermutlich wird es nicht mehr lange dauern, bis Frau Holle ihre Fenster öffnet, um ihre Kissen aufzuschütteln. Schwermütig lasse ich meinen Blick nun über den mit Buchs gesäumten Gemüsegarten schweifen, auf dem noch drei Stängel Rosenkohl stehen, über den Weg zur offenen Obstwiese. Ich betrachte die beiden knorrigen Apfelbäume – alte Sorten. Aus dem „Weißer Matapfel“ ließ Richard jedes Jahr Apfelwein keltern. Der „Jakob Fischer“ schmeckt lecker und ich backe damit den besten Apfelkuchen der Welt – behauptete jedenfalls Richard. Mein Blick wandert zum schlanken Birnbaum und anschließend zum mächtigen Kirschbaum. Der muss nach der nächsten Ernte unbedingt zurückgestutzt werden. Den Zwetschgenbaum haben wir erst vor drei Jahren gepflanzt. Ich sehe Richard mit dem Spaten das Pflanzloch ausheben und ich sehe mich, wie ich das Bäumchen hinein stelle und wie wir gemeinsam Erde darum anhäufen. Zuletzt betrachte ich den alten Walnussbaum, unter dem ich so manch gutes Buch gelesen habe. Rechts davon, unter weißer Schneedecke verborgen, der erst vor fünf Jahren angelegte englische Rasen, der durch eine Vielzahl von Nadelgehölzen, Sträuchern und den mannigfaltigsten Stauden eingegrenzt ist. Vom Frühling bis in den Spätherbst eine blühende Pracht. Eine Minute starre ich auf unseren, von den dürren Ästen der Kletterrosen umrankten Pavillon. Meine Gedanken versinken erneut in der Erinnerung. Ich sehe mich mit Richard und Fabian darin frühstücken, rieche den intensiven Duft der rosarot blühenden „Gertrude Jekyll“ Rosen. Dann verschwimmt das Bild. Zurück bleibt Leere, gefolgt von unbeschreiblich tiefem Schmerz, der sich stets, sowie ich mich an solch glückliche Momente erinnere, in meine Eingeweide bohrt.
All die Erinnerungen, die aus jedem Winkel des Hauses kriechen und förmlich danach lechzen mich zu umgarnen und in trostlose Tiefen zu stürzen – ich kann sie nicht mehr ertragen. Tränen verschleiern erneut meinen Blick. Ich blinzle und schlucke sie hinunter, während ich noch einmal auf den mit feinem Dunst überzogenen Ammersee hinausschaue, der nur wenige Schritte entfernt von meinem Gartentor eiskalt in seinem Bett ruht.
Da geht jemand. Seltsam. Um diese Zeit?
Um mich zu vergewissern, dass es bald dunkel wird, werfe ich einen Blick auf die Küchenuhr.
Fast fünf. Woher mag die kommen? Die? Schwer zu erkennen. Aber ja, der Statur nach zu urteilen vermutlich eine Frau. Was hat die hier zu suchen? Jetzt bleibt sie stehen, schaut aufs Wasser. Ob sie Kummer hat? Sie bückt sich. Was sucht die denn da? Ah – jetzt richtet sie sich wieder auf. Sie holt weit aus, wie ein Diskuswerfer – mit der linken Hand – Linkshändlerin also. Jetzt wirft sie etwas flach ins Wasser. „Ha!“
Ein Stein flitzt ein, zwei, dreimal hüpfend über die Oberfläche des Sees.
Und wieder bückt sie sich.
„Ach ja“, seufze ich und lächle wehmütig, während sich meine Augen abermals mit Tränen füllen. Wie oft hab ich Fabian und Richard dabei beobachtet. Mussten „Männergespräche“ geführt werden, näherten sie sich stets auf diese Art an. Überhaupt fanden die meistens da unten am See statt.
Es wird Zeit für mich.
Ein seltsam bedrückendes Gefühl beschleicht mich. Angst vor dem, was mit mir geschieht – danach?
Jetzt nicht darüber nachdenken.
Um mich einigermaßen auf den Tod und das danach auf mich zukommende vorzubereiten, las ich, obwohl ich sehr wohl weiß, dass man das nicht wirklich kann, während der letzten Tage etliche Berichte über Nahtoderfahrungen.
Der Tod wird mich sanft unter seinen Mantel der Schwerelosigkeit hüllen und durch einen Tunnel aus Licht und Liebe zu meiner Familie bringen. Sie werden mich nach Hause geleiten und wir werden wieder glücklich vereint sein. Davon bin ich überzeugt und sollte es nicht so kommen, habe ich zumindest keine Schmerzen mehr.
Das Glas Cognac strahlt mich förmlich an, als ich die Bibliothek betrete. Erschöpft und unendlich müde trete ich an Omas Sessel, um es mir darin bequem zu machen. Ein markerschütternder Schrei, hält mich jedoch davon ab. Ich hebe das Kinn, lausche eine Weile angestrengt in die Richtung, aus der ich vermute, ihn vernommen zu haben. Kein weiterer folgt.
Nur ein Jubelschrei? Nein, kein Jauchzer, ein Schrei – ein Angstschrei. Ob da jemand Hilfe braucht? – Unsinn. Vermutlich nur ein Tier. Manche Vögel geben Laute von sich, da denkt man schon mal ein Mensch hätte geschrien.
Ich lasse mich in Omas Sessel sinken.
Erneut ein Schrei, der sich eindeutig, obwohl verzerrt, nach „Hilfe“ anhört.

 

 


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Rezensionen:

★★★★★ Spannender Thriller mit fulminanten Ende

Von I. Hülserman am 9. 12. 2018 bei Amazon

Format: Taschenbuch

Das Buch hat mich sofort gefesselt und ich musste es in einem Zug lesen. Der Autorin ist es gelungen, bei diesem Thriller auch das Liebesglück und die Aufarbeitung der Vergangenheit der Protagonistin spannend zu beschreiben. Alles zusammen macht das Buch zu einem wahren Lesevergnügen. Sehr empfehlenswert.