Die schwüle Hitze des Julitages war nur schwer zu ertragen. Sarah Berens räkelte sich lustlos in ihrem Liegestuhl. Selbst der spannende Krimi lag aufgeschlagen, mit dem Rücken nach oben auf dem seitlich an der Liege angebrachten Ablagetischchen. Daneben stand ein Glas mit Wasser, in dem eine Zitronenscheibe schwamm. Die fast geschmolzenen Eiswürfel klirrten, als Sarah danach griff, um einen gierigen Schluck davon zu trinken.
In diesem Moment streifte eine leichte Bö ihren erhitzten Körper und sorgte für etwas Abkühlung. Behaglich drehte sie sich in die Richtung, aus der die Brise gekommen war. Gleich darauf jedoch warf sie einen besorgten Blick zum dunkelblauen Himmel, an dem sich von Westen die ersten Cumuluswolken zusammenrotteten. Der Wetterbericht hatte vor Gewitter gewarnt. Sarah mochte Gewitter nicht. Sie war zwar fasziniert von den Blitzen, aber vor dem Donner fürchtete sie sich. Dieses Gefühl hatte sich vermutlich aus der Kindheit ins Erwachsenenleben gerettet. Natürlich wusste sie heute, dass die Blitze das Gefährliche am Gewitter waren. Wie auch immer, zumindest würde der Regen die Schwüle vertreiben. Lachen drang von einem alten, rot gestrichenen Ruderboot herüber, von dem die Farbe bereits abbröckelte. Zwei Personen saßen drin – ein Mann und eine Frau. Für die beiden wäre es besser, zum Ufer zu rudern, dachte Sarah besorgt. Bevor der alte Kahn untergeht. Apropos alt …
Plötzlich erinnerte sich Sarah an den heute stattfindenden Flohmarkt, den sie unbedingt besuchen wollte. Sie liebte Flohmärkte, erfreute sich an all dem Tand, der sich auf den meisten Tischen befand, und manchmal wunderte sie sich aber auch über die kleinen Schätze, die dann nach genauerer Betrachtung oftmals in ihre Tasche wanderten. Bei einem Blick auf ihre Armbanduhr stellte sie fest, dass es bereits nach vierzehn Uhr war. Träge fragte sie sich, ob sie sich die Menschenmassen bei dieser Hitze wirklich antun wollte. Sie setzte sich auf, griff erneut nach dem Glas und nahm einen weiteren Schluck.
„Komm schon!“, flüsterte sie aufmunternd zu sich selbst, während sie es wieder abstellte und sich stöhnend erhob. Der Rücken machte ihr schon seit einigen Wochen Schwierigkeiten, aber das war wohl normal in ihrem Alter.
* Sie besucht also diesen Flohmarkt.
Wie stets durchstöberte sie die aufgebauten Stände, in der Hoffnung ein besonderes Schnäppchen zu finden.
Am Stand des Tierheims, dessen Einnahmen vernachlässigten Tieren zukommen sollten, kaufte sie ein Fachbuch über Gartenpflanzen und ein altes Rezeptbuch. Während sie ihre Geldbörse aus der Handtasche zog, fiel ihr Blick auf eine wunderschöne Frauenfigur am Nachbarstand. Sie bezahlte die Bücher und ging zum nächsten Tisch. Hey! Das gibt’s doch nicht. Die sieht aus wie ich, dachte sie überrascht. Sie nahm die Figur in die Hände und betrachtete sie genauer. Das Material war schwer zu bezeichnen – Stein, Keramik, Marmor oder gar Elfenbein? Mit solchen Dingen kannte sie sich nicht aus. Aber sie war schön. Vor allem aber erinnerte sich Sarah durch sie an eine interessante Begebenheit, an die sie nur noch sehr selten dachte. Eigentlich nur, wenn Christa, ihre beste Freundin, das Gespräch in eine entsprechende Richtung lenkte.
Zwar trug ich damals keinen Hut und statt der Kaffeekanne hält sie einen Fächer in der Hand. Auch hatte ich damals kein beiges Kleid an, meines war dunkel. Dennoch sieht sie aus wie ich.
Sarah schüttelte fassungslos den Kopf, denn auch das Kleid der Figur entsprach genau der Mode der 1870er-Jahre.
„Du kommst mit mir“, flüsterte Sarah. Sie bezahlte den geforderten Preis und verließ den Flohmarkt, glücklich darüber, doch etwas gefunden zu haben.
* Nachdem sie eine unruhige Nacht mit Träumen hinter sich gebracht hatte, in denen es um die Figur ging, stellt sie diese in ihrem Büro aufs Sideboard und beginnt mit der Recherche. Da dies nicht so einfach ist, wie sie es sich vorgestellt hat, gibt sie auf. Sie entscheidet sich, gemeinsam mit ihrer Freundin, nach Wien zu fliegen, um nach dem ehemaligen Leben der Felicitas von Amberg zu suchen. In alten Kirchenbüchern findet sie tatsächlich den Nachweis, dass dieses Leben stattgefunden hat. Sie suchen gemeinsam nach dem Haus, das einst von Felicitas‘ Familie bewohnt wurde. Und was für eine glückliche Fügung: Als sie davor stehen, wird die Tür geöffnet. Die beiden Frauen schlüpfen ins Haus.
„Man hat die große Wohnung in kleinere geteilt. Aber ich bin sicher, dass sich hier auf dieser Etage ehemals unsere Wohnung befand. Und hinter dieser Tür der Teil, von dem aus ich die Kuppel der Peterskirche sehen konnte. Na egal. Lass uns gehen“, erklärte Sarah enttäuscht.
Christa drückte auf den Klingelknopf. „Und was hast du dann vor?“
„Nicht! Was tust du denn?“, zischte Sarah.
„Jetzt sind wir schon mal da, dann lass uns doch fragen, wo die Ambergs abgeblieben sind. Vielleicht wissen das ja die Leute, die hier wohnen. Außerdem könnten wir fragen, ob wir einen Blick aus dem Fenster des Raumes werfen dürfen, dessen Ausblick in Richtung Kirche geht.“
„Ja, ich komm ja schon“, rief eine zittrig-brüchige Stimme mit typisch wienerischem Dialekt. Gleich darauf standen die Freundinnen einem alten Mann gegenüber. „Grüß Gott.“ Seine schmalen Lippen formten sich zu einem breiten Lächeln, als er die beiden Frauen entdeckte. „Was kann ich für Sie tun?“
„Entschuldigen Sie die Störung, ich habe nur eine Frage. Wissen Sie, wer früher hier gewohnt hat. Oder sagt Ihnen der Name Amberg etwas?“
„Wer ist es denn?“, meldete sich plötzlich eine hohe, weibliche Stimme aus der Wohnung. Schon wenige Sekunden später erschien eine ältere Frau an der Seite des Mannes.
„Das ist meine Frau“, stellte er die zart wirkende, immer noch attraktive alte Dame vor und erklärte ihr: „Die beiden Damen fragen nach dem Baron von Amberg.“
„Ach was!“, staunte sie und meinte: „Warum bittest du sie nicht herein? Sie schauen nicht aus, als würden sie uns berauben wollen.“ Die alte Dame schien begeistert von der unerwarteten Störung.
* Sie betreten die Wohnung und Sarah erhält die Gelegenheit, ihre Geschichte zu erzählen. Danach berichtet die alte Dame von einem Kästchen, das sie bei Renovierungsarbeiten gefunden haben, im ehemaligen Ferienhaus der Ambergs, das sie vor einiger Zeit erworben haben, um dort eine WG mit befreundeten Ehepaaren zu gründen. Welch ein Zufall!!!
Herr Wallner stellte eine wirklich alte, mit wunderschönen Ornamenten und Glassteinchen verzierte Metallschatulle auf den Tisch. „Darin befinden sich Briefe und ein Schmuckstück. Um genau zu sein, ein Medaillon, das vermutlich sehr wertvoll ist.“
„Ich konnte mich nicht zurückhalten“, erklärte Frau Wallner. „Die Briefe sind alle drei an Baronin Felicitas von Amberg gerichtet. Trotz des furchtbar schlechten Gewissens, das ich dabeihatte, musste ich die Briefe lesen. Obwohl sie eine gestochen schöne Schrift hatte, tat ich mich etwas schwer. Aber dank einiger Schriftstücke meiner Großmutter, die ebenso geschrieben hat, ist es mir gelungen.“ Die alte Dame seufzte hingebungsvoll. „Wunderschöne Liebesbriefe. Dieser Mann hat die Baronin sehr geliebt. In dem Medaillon befindet sich das Bildnis eines sehr gut aussehenden Mannes. Nachdem ich nun Ihre Geschichte gehört habe, gehe ich davon aus, dass es sich dabei nicht um das Bildnis des Barons handelt, sondern um das des Mannes, den sie geliebt hat.“
Sarah nickte zustimmend. „Ich muss träumen. Das kann einfach nicht wahr sein. Das ist mein …“, sie schüttelte verneinend den Kopf, „nein ihr …, also Felicitas’ geheimes Kästchen. Jetzt erinnere ich mich daran. An ein Ferienhaus kann ich mich allerdings nicht erinnern und auch nicht, dass sie dieses Kästchen dort aufbewahrte. Mein Gott, das ist so absurd. Darf ich die Briefe sehen und das Medaillon natürlich?“
„Ich kann es Ihnen wohl kaum verwehren“, meinte Frau Wallner und gab Sarah ein Zeichen, es zu öffnen.
Mit heftig klopfenden Herzen entnahm Sarah dem Kästchen zunächst das an einer silbernen Kette hängende, mit wunderschönen Ornamenten verzierte Medaillon und öffnete es. Als sie das Bildnis des Mannes sah, schossen Tränen in ihre Augen, da sie in ihm sofort den Mann erkannte, den sie in ihrem damaligen Leben so sehr geliebt hatte. „Ja, das ist er. Aber ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern. Steht er in seinen Briefen? Und sind es wirklich nur drei Briefe?“ Sarah warf erneut einen Blick auf das Medaillon und plötzlich war ihr, als wäre er ihr vor noch nicht allzu langer Zeit begegnet. Was einem die Erinnerung doch für Streiche spielen kann, dachte sie, während sie das Medaillon schloss und es zurücklegte. Dann nahm sie einen Brief heraus. Das Siegel auf der Rückseite war gebrochen. Auf der Vorderseite stand lediglich Felicitas’ Name. Es gab weder eine Briefmarke noch einen Stempel. Der Brief musste folglich durch einen Kurier zugestellt worden sein. Während Sarah den zuoberst liegenden Brief in die Hände nahm und aus dem vergilbten Kuvert zog, wurde ihr schummrig vor Augen. Die Buchstaben verschwammen und plötzlich befand sie sich in einem Salon …
* Sarah wird von einer Vision heimgesucht. Sie sieht sich in ihrem ehemaligen Leben. Nachdem Frau Wallner ihr die Briefe (alte Schrift) vorgelesen hatte, will sie mehr erfahren. Auf Einladung des Ehepaars, besuchen die beiden Frauen das Ferienhaus in Hietzing. Sarah soll sich allein im Haus umsehen und die Umgebung auf sich wirken lassen.
Sie wollte schon wieder nach unten gehen, als eine Wand in der Diele ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. „Seltsam“, flüsterte sie, „da passt doch etwas nicht.“ Wie Blitze trafen sie Bilder aus der Vergangenheit. Hier war doch mal eine Tür. Sarah eilte nach unten und pochte an die Tür der Gablers. „Herr Wallner, Herr Wallner, bitte kommen Sie mit mir nach oben“, rief sie aufgeregt.
„Frau Berens, was ist denn geschehen?“
„Ich muss Ihnen etwas zeigen.“
Nicht nur Friedrich Wallner, sondern auch die anderen folgten ihr. „Hier an dieser Wand müsste sich eine Tür befinden. Warum haben sie die zugemauert?“
„Eine Tür? Hier war keine Tür“, entgegnete er und hob etwas irritiert und hilflos seine Arme.
„Doch! Hier befand sich eine Tür.“
Friedrich Wallner trat nahe an die Wand und während er sein Ohr anlegte, klopfte er mit seiner Faust dagegen. Er trat einen Schritt zurück und blickte auf die Frauen. „Habt ihr es auch gehört?“
Die Frauen nickten zustimmend.
„Das klang hohl“, meinte seine Frau.
„Ganz genau. Und jetzt will ich wissen, was sich dahinter verbirgt“, bestimmte er. „Annemarie, bitte doch Rudolf zu uns. Er soll einen großen Hammer mitbringen.“
Rudolf Gabler war jedoch nicht bereit, einfach auf die Wand einzuschlagen. „So ein Unsinn. Hier war noch nie eine Tür.“ Doch auch er musste zugeben, dass sich hinter der Wand ein Hohlraum befinden musste. Er tastete und klopfte zunächst alles ab. „Wir müssen ja nicht gleich den ganzen schönen alten Putz abschlagen, den wir so aufwändig haben reinigen lassen. Tretet mal zur Seite. Das wird jetzt eine Weile dauern.“
Und es dauerte eine gute Stunde, bis die beiden Männer die Ziegelsteine, die sich hinter dem Putz befanden von der übrigen Wand sichtbar gemacht hatten. Schon nach den ersten herausgenommenen Steinen bestätigte sich Sarahs Ahnung. Hinter der Ziegelwand befand sich eine Tür.
Hustend und keuchend, jedoch mit unerwarteter Energie, brach Herr Gabler nun die Ziegel heraus. Die anderen halfen und räumten die Steine zur Seite. „Wie konnten Sie das wissen?“
Nachdem alle Steine entfernt worden waren, klopfte sie klatschend den Staub von den Händen. Sechs neugierige Augenpaare starrten erwartungsvoll auf die Tür.
„Schaut mal. Da steckt sogar noch der Schlüssel im Schloss“, bemerkte Sarah.
„Öffnen Sie die Tür“, entgegnete Friedrich Wallner. „Sie haben sie schließlich entdeckt.“
Sarah drückte zunächst die Türklinke hinunter.
* Was sich wohl hinter der Tür befindet? Jedenfalls beginnen nun auch die Bewohner des Hauses zu forschen. Gemeinsam decken sie ein Geheimnis nach dem anderen auf. Und da gibt es Einige.
